Vom Menschenfeind und Falafelfreund

Paris ist die Stadt der Liebe - der Verliebten, Verlobten und Frischvermählten. Paris ist die Stadt, in der sich Präsidenten auf Mofas in verhängnisvolle Liebesaffären stürzen, grosse Gefühle auf der Treppe zu Sacre Coeur gestanden werden und romantische Heiratsanträge auf dem Eiffelturm zur Tagesordnung gehören. Ein anrüchiges Je t’aime à la Serge und Jane gehört hier zum alltäglichen Vocabulaire. Wo die Liebe eine solch bedeutende Rolle spielt, kann auch die Liebe zum Essen nicht weit sein...

Ein paar Tage in Paris haben dies eindrücklich bestätigt: frische, üppig belegte Bagels und crèmig schokoladige Eclairs wetteifern mit Schmetterlingen um den knappen Platz in den hungrigen Bäuchen. Es wimmelt regelrecht von Boulangerien, welche nebst neonfarbenen Macarons und knusprig fettigen Croissants weit mehr zu bieten haben – Roquefort-Muffins und Pistacheflan-Tartes lassen die Kundin Vogue und Chanel-Taille vergessen. Besonders angetan hat es uns das Marais mit seinen unzähligen Cafés, Bars und Restaurants. Hier reiht sich ein anmächeliges Lokal ans nächste. Es sind viele Lokale dabei mit libanesischen Spezialitäten, marokkanischer Küche oder Falafel-Stände. Falafel – scheint hier mehr zu sein als ein mit Kichererbsenbällchen, Salat, Tomaten  und Tahina und gefülltes Pitabrot. An der rue des Rosiers  ist der L’As du Fallafel zu finden, über den gemunkelt wird, dass er den weltbesten Falafel zubereitet. Um in den Genuss eines solchen Meisterwerkes eines Falafels zu kommen, muss man ein bisschen was auf sich nehmen.

Gut und gerne misst die Warteschlage hier über 100m und ein Uneingeweihter könnte schon mal auf die Idee kommen, dass es sich hier um eine Autogrammstunde Oscar Wilde’s handelt, der vom Père-Lachaise aus einen kleinen Ausflug unternommen hat. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich ein weiterer Falafel-Laden und ums Eck trifft Falafel Fanatiker auf Chez Marianne, welche sich vor Ansturm ebenfalls kaum retten kann. Die Falafel schmecken tatsächlich ausgezeichnet. Genugtuung macht sich breit, das Schlangestehen wurde ausreichend entlöhnt.  Die knusprigen, gut gewürzten Kichererbsenbällchen werden umschmiegt von crèmigem Tahina und das noch warme Fladenbrot bildet einen perfekten Kontrast zum frischen knackigen Rotkraut, von welchem reichlich reingepackt wird. Krosse Zwiebeln und pikante Aubergine runden die gesamte Kreation gekonnt ab. Es bleibt uns nichts anderes übrig als dem Falafel-Hype im Marais ebenfalls zu verfallen.

Einen Besuch wert sind auch die jüdischen Bäckereien, welche im Marais ansässig sind. Die Bäckerei Finkelsztajn oder das Kahns sind im Quartier verankert, Finkelsztajn beglückt seine Kundschaft seit 1946 jeden Tag mit frisch gebackenem Challa. Challa ist  traditionelles jüdisches Gebäck, welches meist für Schabbat und andere jüdische Festtage gebacken wird und unserem Zopf ähnelt. Das Kahns hat einen besonders leckeren Trumpf im Ärmel: eine Challa gefüllt mit reichlich Pastrami, Essiggurken und feinem Sösseli. 

Unbedingt zu besuchen ist der Marché des Enfants Rouges. Seine Entstehungszeit fällt auf das frühe 17. Jahrhundert und ist somit der älteste überdachte Markt in Paris. Im Angebot finden sich von marokkanischen Leckereien über italienische Spezialitäten bis zu französischen Delikatessen alles was der Gaumen begehrt.

Weitere Empfehlungen:

  • Für Burger, Steaks und Sandwiches in hipper Atmosphäre: Schwartz’s Deli, 16 Rue des Ecouffes 
  • Essen wie Zuhause, nur chicer: Derrière, 69 Rue des Gravilliers 
  • Ebenfalls einen Besuch wert ist  der Marché Bastille. Ein Markt, wie man ihn sich wünscht: ein Marktstand reiht sich dicht an dicht an den nächsten,  das Angebot an Frischware ist kaum zu übertreffen und die Gemüse in ihrer vielfältigen Farbenpracht ein Augenschmaus. Die Marktschreier sind in Höchstform, preisen an, werben und flirten - Madame und Mademoiselle zücken Portemonnaie. Ein wunderbar buntes Treiben. 
Raz-El Hanout Bagel von Bagelstein

Raz-El Hanout Bagel von Bagelstein


Und schon Molière hatte - in einer Zeit lange vor dem Falafel-Hype - gutes Essen zu schätzen gewusst...

Wenn ich gut gegessen habe, ist meine Seele stark und unerschütterlich; daran kann auch der schwerste Schicksalsschlag nichts ändern.
— Molière

Zur passenden Lektüre ein Werk eines ganz grossen Parisers: Der Menschenfeind von Molière ist eine Komödie, welche 1666 in Paris im Palais du Royal uraufgeführt wurde. Molière selbst hat - in seinem wahrscheinlich am meisten autobiographisch geprägten Werk - die Hauptrolle übernommen. Das Stück handelt von einem Moralisten, welcher an seinen zwar berechtigten, aber unrealistischen Anforderungen scheitert. Die Komödie spiegelt die damalige französische Mittelschicht wider, den kleinen Adel und das große Bürgertum. Damals gängige Moralkonzepte werden geprüft und karikiert: Aufrichtigkeit, Prestigestreben, Selbstgefälligkeit und Opportunismus. Bis heute ist der Menschenfeind eines seiner erfolgreichsten Stücke.

Ich will nicht sein wie alle, mein Herr, ich warne Sie, / Denn aller Menschen Freund zu sein, war nie mein Ehrgeiz, nie!
— Alceste (aus Menschenfeind)