Ferien im Baudenkmal

Der Holzboden knorzt. Die Sonne scheint auf seine Musterungen und haucht ihm eine warme Farbe ein. Der grüne Kachelofen ist ein Schmuckstück – ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit, als der Ofen Zweck und nicht Zierde war. Ein Überbleibsel ist auch die mit Zeitungen tapezierte Wand im Schlafzimmer, eine Tapete mit Geschichte. Ich liege auf dem gestreiften Biedermeier Sofa mit Velourbezug, das auch beim Nichtstun eine Festlichkeit versprüht und mir gar in Jogginghose und Faulenzerpose Glamour einhaucht, zumindest gefühlt. Mein Blick streift von der geschichtsträchtigen Tapete zum stylishen Schaukelstuhl von Eames, dann nach draussen, wo eine grüne Pergola die Idylle abrundet. 


Gefaulenzt wird hier jedoch höchst selten. Ich bin nicht zum Auszuspannen im Fischerhaus in Romanshorn, sondern um zu Fotografieren. Die Fischerhäuser in Romanshorn gehören zur Stiftung Ferien im Baudenkmal, eine Stiftung, die sich zum Ziel gesetzt hat schützenswerte und denkmalgeschützte Objekte zu renovieren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Renoviert wird stets mit viel Sorgfalt und historischem Gespür, der ursprüngliche Charakter soll unbedingt erhalten bleiben. Unterdessen hat die Stiftung Ferien im Baudenkmal 33 Objekte vor dem Verfall gerettet und mit einem ausgeprägtem Sinn für Design und Ästhetik renoviert. Fünf weitere sind zur Zeit in Arbeit. Schon fast eine kleine Tradition ist es geworden, das Kochen und Fotografieren in einem Baudenkmal- wenn ich ehrlich bin, sie ist schon gar nicht mehr wegzudenken. Ja sogar ein Hashtag wurde eigens dafür komponiert – #kochenimbaudenkmal. 


Zmörgele

#kochenimbaudenkmal

Es mag etwas eigenartig anmuten, das Essen stets fotografieren zu wollen. Ich weiss das aus Erfahrung. Wenn meine Freundinnen im Restaurant, hungrig wie sie sind, noch warten müssen bis ich mein Bild gemacht hab, dann geben sie sich zwar stets verständnisvoll, sind gar belustigt, können eine leichte Befremdung aber kaum verbergen. Und wenn ich die Situation eine Minute länger als nötig herausfordere, wird das kaum geduldet, der Hunger ist ein schlechter Statist. In unserer Baudenkmal-Runde ist das anders. Wir sind fünf, sechs, ja gar sieben Foodblogger, alle zwar nicht weniger hungrig, aber eben doch Blogger. Ohne eine sektiererische Anmutung aufkommen zu lassen – das Kochen und Fotografieren unter Gleichgesinnten ist unschlagbar.


Der Tisch ist gedeckt, ein Blech voll dampfender Kartoffeln, eine Schüssel mit knackigem Salat, Kernen und Blüten machen daraus eine Augenweide, frisches, knuspriges Strudelgebäck aus dem Ofen, Wein, gefüllte Auberginen, Dips und rundherum eine Horde hibbeliger Blogger, bewaffnet mit Kamera und Handy, allzeit bereit das perfekte Bild zu schiessen – oder eben deren hundert Shots zu machen, stets aus einem neuen Winkel. Die Blogger wirken höchstens hibbelig, viel eher sind sie konzentriert, Farben und Formen, Gemüse und Genuss ins rechte Licht zu rücken. Und hier kommen wieder die Gleichgesinnten ins Spiel – niemand scheint von der Angst geplagt zu sein, das Essen würde kalt oder der Hungertod stünde vor der Tür. Entspanntes, ausuferndes Fotografieren. In einer Seelenruhe wird geknipst bis die Möglichkeiten ausgeschöpft und die Salatblätter welk sind. Und dann wird gegessen und geschlemmt, geplaudert und gelacht. Es geht in die vollen.


#KochenimBaudenkmal


Instagramable

Die Gleichgesinnten sind ein Grund, warum das Kochen und Fotografieren im Baudenkmal ein solches Erlebnis ist, nicht aber der ausschlaggebende. Mindestens genauso essentiell ist nämlich, dass die Wohnungen und Häuser der Stiftung Ferien im Baudenkmal schlicht so umwerfend sind, dass sich jeder Ecken, jeder Fenstersims, jede Küchenzeile für ein Fotoshooting eignet und wir hier tagtäglich wieder neue fotogene Spots entdecken. Analoge Reizüberflutung für Fotografen, wenn man so will – oder einfach very instagramable verdammt nochmal. 


Die Fischerhäuser in Romanshorn

Während des Gemüsen Schnippeln, überlege ich mir, wie das wohl mal war, früher, im 17. Jahrhundert – als in diesem Haus noch Fischer, Schiffsmänner, Spengler und Schuhmacher wohnten und werkten. Das Leben in diesen, heute so wundervoll hergerichteten Räumen, muss damals ein sehr einfaches gewesen sein. Davon zeugen auch die unterschiedlichen Niveaus der knarrenden Bretterböden oder die verwinkelten Zimmereingänge. Man kann sich die Einfachheit zwar vorstellen, unterdessen ist das hier so sorgsam restauriert und charmant eingerichtet worden, dass man sich eher in Schöner wohnen denn in einer ehemaligen Werkstatt und Fischersbleibe fühlt.


Die Fischerhäuser in Romanshorn sind heute im Besitz der Denkmalstiftung Thurgau und werden über die Stiftung Ferien im Baudenkmal vermietet. Nebst den beiden Fischerhäusern gibts auch noch die Möglichkeit einfach ein Zimmer zu nehmen, gleich nebenan, in einem nicht minder prächtigen Anbau gibts Zweier, Vierer und Achter Zimmer. Frühstück wird dann vom Ehepaar Ammon serviert, das sich fürsorglich und mit einem ausgeprägtem Auge fürs Detail um dieses einladende Bed&Breakfast im Baudenkmal kümmert.


Natürlich kann man auch hierher kommen ohne auch nur die leiseste Absicht zu hegen, auch nur irgendwas kochen oder fotografieren zu wollen. Es lässt sich hier auch ungestört lesen, schreiben oder schlafen – und so oder so, ist’s die allerschönste Bleibe für jegliche Ausflüge in und rund um den Thurgau.


Ich persönlich würde ja am liebsten den ganzen Tag auf dem Biedermeier Sofa liegen und lesen. Bisschen Couchpotato vielleicht – aber sind wir ehrlich, eine Couchpotato auf dieser Couch muss sowieso etwas total Vornehmes sein.



Das Türalihus in Valendas

Die Tradition hat ihren Ursprung im Safiental, genauer im Türalihus in Valendas. Im November 2018 sind wir, eine Truppe Blogger, ins Safiental gefahren, um im Türalihus zu kochen, zu backen, zu essen und zu geniessen – ach ja natürlich, und um zu fotografieren. Organisiert war die Sause von Laz, er ist der umtriebigste und charmanteste Grieche, den ich kenne und noch dazu ein begnadeter und leidenschaftlicher Koch. Laz schleppte kistenweise Zutaten nach Graubünden, das Programm wurde uns unmissverständlich klar: kochen und essen was das Zeug hält. Daran haben wir uns gehalten und bis spät in die Nacht wurde in der Küche gewerkelt. Profiteroles, Dorade, Kartoffeln vom Blech, Blumenkohlpurée, Steak, Medoviktorte, Egg Benedicts, in Wein pochierte Quitten und Panna cotta – es war Laz, der uns antrieb und alles orchestrierte. Bis heute geblieben sind mir die mit Pulled Chicken gefüllten Filoteigblätter, ein Meisterwerk vom Griechen.


Genauso nachhaltig beeindruckt hat mich das Türalihus. Dieses stattliche Haus mit Treppenturm ist ein stolzes Herrschaftshaus, das einst wohl Bleibe einer wohlhabenden Bürgerfamilie gewesen sein muss. Es erzählt mit zahlreichen Spuren von der Geschichte, als viele Bündner als Zuckerbäcker oder Söldner zu Reichtum gelangten. Ein grosser Ofen, florale Verzierungen und bemalte Täfer machen dieses Haus zu einem echten Hingucker. 2014 wurden die Restaurierungen abgeschlossen, der einzigartige Charakter aus einer vergangenen Zeit ist erhalten geblieben. Eingerichtet ist das Türalihus mit Schweizer Designklassikern, das Nebeneinander von Moderne und Historie ist einzigartig und wunderschön.


Das Türalihus ist ohne Frage einen Besuch wert. Von hier aus lässt sich auch das Safiental erkunden, Wanderungen unternehmen oder einfach Ausspannen. In den Gemäuern dieses Hauses lässt es sich auch einfach mal sein – Füsse hochlagern, Wein trinken, Filme schauen. A pro po Film, als kleiner Fun Fact möchte ich euch eines noch mitgeben: das 300-Seelendorf Valendas hat im Fernsehfilm Gotthard das Städtchen Göschenen ‚gespielt‘.


Urchig. Gemütlich. Stilvoll.
Jeder Ecken ein echter Foto-Spot.
Zmörgele zum Zweiten

Die Domaine des Tourelles in la Chaux-de-Fonds

Ein Bijoux der ganz besonderen Art ist die Industriellenvilla Domaine des Tourelles in La Chaux-de-Fonds. Das im Stil des Historismus erbaute Wohnhaus widerspiegelt den wirtschaftlichen Aufschwung der Uhrenmetropole La Chaux-de-Fonds zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Aus einem Bauerndorf wurde eine Industriegemeinde. Die Villa ist reich an Deckenfresken, Stuck und Täfer, filigrane Verzierungen und Parkett mit Sternmuster machen das Bild komplett. In diesen schillernden Räumen verkommt das Gekochte fast zur Nebensächlichkeit, immer wieder staune ich über soviel Sorgfalt und Feinheiten.


Die Industriellenvilla – eine Zeugin der Zeit
Kitchen Goals

Die Blogger sitzen am grossen Tisch, der sich unter vielerlei Köstlichkeiten bald zu biegen droht. Nach der grossen Knipserei wird gegessen. Kochen, Stylen, Fotografieren – das macht müde und hungrig. Essen Fotografieren heisst auch, auf Tische, Stühle, Leitern zu steigen, eine Schüssel minutenlang in der exakt gleichen Pose ins Licht zu halten oder auf der Suche nach dem besten Hintergrund durchs gesamte Haus zu jagen, stets bepackt mit Kamera, Styropor, Props und Food. Fotografiert werden kann überall, im Garten, auf der Veranda, im Treppenhaus oder in der Stube – kein Zimmer ist vor uns sicher.


Ich kann nicht leugnen, dass ich mich nach diesem ereignisreichen Tag aufs Bett freute. Auch weil ich müde war, vor allem aber, weil ich heimlich schon den ganzen Tag an dieses Schlafgemach dachte. Was war das für ein Schlafzimmer! Ein riesengrosses Bett, Fenster mit Sicht auf die dunkle, funkelnde Stadt, die Zimmerdecke mit filigransten Verzierungen geschmückt – wenn es sich hier nicht träumen lässt.


Insgeheim träumte ich bereits vom nächsten Mal Ferien im Baudenkmal. Wo auch immer das dann sein wird. Die Liste der Baudenkmäler ist lang – zum Glück!

Alle Infos, alle Häuser, alle Preise findest du hier.


Props & ‚gschpässige‘ Locations
Picknicken im Garten

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