Intuitiv Kochen Buch Rezension
Kochen für Freigeister oder mit einem Rezept durchbrennen

Ein Fan Moment. Wer kennt’s nicht. Wenn du so nah am Geschehen bist, dass du hautnah mitverfolgst wie die Schweissperlen des Angebeteten zwischen Jeanshemd und Gitarre ihre Wege suchen, während tausend Frauen kreischen und er – cool wie ein Herzchirurg – Akkorde und Aura zum Besten gibt. Es geht auch alltäglicher. Mit Niki Segnit kochen zum Beispiel. Also eigentlich reicht mir ihr neustes Buch dafür. Aber von vorn.


Zwischen Gerücht & Geflüster

Niki Segnit ist Food Journalistin, Buchautorin und Feinschmeckerin bis ins Mark. Mit ihrem Geschmacksthesaurus hat sie 2010 einen Bestseller gelandet, ein Koch- und Lesebuch, das ohne ein einziges Bild auskommt und dennoch Millionen begeistert hat. Ihr zweites Kochbuch macht das ähnlich, bis auf ein paar Illustrationen muss sich die Leserschaft mit über 700 Seiten Text begnügen. Und das macht sie gern. Was und vor allem wie Niki Segnit schreibt, ist sagenhaft unterhaltsam und zugleich lehrreich, humorvoll und herausragend ansteckend. Dieser 700 seitige Schunken ist eine Anregung, oder eben viel mehr eine Anleitung für intuitives Kochen. Segnit geht von Grundrezepten aus und liefert Ideen und Möglichkeiten für facetten- und variantenreiches Kochen und Essen. Sie kredenzt erst Sodabrot, dann Cobbler, spielt mit verschiedenen Nüssen fürs Marzipan, macht Custard in Variationen und verwandelt diesen unter Zugabe eines zusätzlichen Eis in eine Crème Caramel. Bei Segnit passiert all das lustvoll und spielend. Am Anfang steht das Grundrezept – und dann heisst es nicht’s muss, alles kann.


Segnit regt an zum Experimentieren. Sie, die längst nicht immer solch ein Freigeist in der Küche war, motiviert zum ungehemmten Regelverstoss. Ausprobieren und Spielen. Anstatt obrigkeitshörig streng dem Rezept zu gehorchen, besser mal leidenschaftlich mit einem Grundrezept durchbrennen. Segnit selbst war lange Zeit alles andere als eine Küchen-Revoluzzerin. Sie war gar dermassen angepasst, dass sie auch ein Rezept für das Streichen eines Butterbrotes befolgt hätte. Heute ist das anders. Wenn sie eine Custard Tarte mit Zimt veredelt, lautet ihre Mengenangabe «irgendwo zwischen Gerücht und Geflüster». Sie mahnt höchstens: «Wenn Sie Jingle Bells hören, war’s zu viel.»


Viel Leidenschaft und noch mehr Wissen

Wer meint, Niki Segnit nehme das mit dem Kochen nicht so ernst und habe eine ‘Jeder kann mitmachen’-Attidüde, denn muss ich enttäuschen. Sie ist zweifelsohne eine sehr anspruchsvolle Geniesserin und findet mangelndes Interesse genauso falsch wie aus Randen Schokoladenkuchen zu backen. Segnit plädiert fürs Bauchgefühl. Wer in seinem Leben schon dutzende Hefeteige geknetet hat, der weiss mit der Zeit, wie sich ein Teig anfühlen muss, damit er aufgeht – und schmeckt. Man solle sich auf Erfahrungswerte, Gaumen und den eigenen Geschmack verlassen.


Sie ist schlicht ansteckend. Mit ihrem Wissen und ihrer ungeheuren Lust am Kochen, am Backen, an Geschmäckern und Aromen macht sie die Küche zu einem Spielplatz und Versuchslabor und inspiriert damit ungemein. Plötzlich bin ich besessen von Meringue und kann es kaum abwarten mein Fladenbrot mit Karottensaft oder Bier zuzubereiten. In Tagen in denen ich viel Segnit lese, träume ich öfters vom Essen als sonst. Ich verköstige mich mit Dal und selbstgemachten Kroketten, gönne mir die süssesten Fudges und stosse an mit Hochprozentigem. Niki Segnit ist weder dogmatisch noch asketisch unterwegs, im Gegenteil. Segnit ist eine jener Frauen, die weder bei Butter noch mit Käse spart und auch bei diätfeindlichen Zuckermengen keine akute Fluchtgefahr aufkommen lässt. Erfrischend genussvoll geht sie mit Lebensmitteln und Genussmitteln um, mixt Aromen und Geschmäcker – und eben gerne auch mal einen Drink.


Segnit’s Fan Moment? Vielleicht als ihr Yotam Ottolenghi, jep der grosse Ottolenghi, das Vorwort zu ihrem Buch geschrieben hat. Er ist begeistert und neidisch, neidisch auf ihr Werk. Dürfte ein Fan Moment gewesen sein. Vielleicht ist sie aber auch so cool wie der Herzchirurg, füttert pflichtbewusst ihren Sauerteig während sie mit einem eisgekühlten Mint Julep feiert. Könnte auch gut sein.

1 Kommentar

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heart beet für Schokoladenkuchen – Mags Frischantworten
Mai 17 um 08:05 AM

[…] stammt aus ihrer Feder, genauso ‚Intuitiv kochen (über letzteres hab ich hier geschrieben). Sie eine Ikone, meine […]

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